Ratgeber statt Machthaber

07.10.2015

Ratgeber statt Machthaber

 

Interview mit Simone Meister, Personalverantwortliche der allsafe JUNGFALK GmbH - einem bereits 4x bei TOP JOB ausgezeichneten Unternehmen.

 

Frau Meister spricht über die Herausforderungen, denen sich ein demokratisch geführtes Unternehmen im Vergleich zu Unternehmen mit einer klassischen Führungsform und starren Hierarchien, stellen muss.

 

 

Frau Meister, was treibt Herrn Lohmann eigentlich an?

Detlef Lohmann wollte sich und seinen Mitarbeitern eine Arbeitsumgebung schaffen, wie er sie sich selbst zu Zeiten gewünscht hat, als er noch Angestellter in einem Konzern war. Seine Vision war: Jeder Mitarbeiter handelt verantwortungsvoll, trifft Entscheidungen selbst und löst eventuelle Probleme eigenständig. Niemand wird „gegängelt“ oder durch zu viele Hierarchien, Regeln und Vorschriften eingeschränkt. Jeder wird als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen und kann sich entfalten.

 

Was macht allsafe JUNGFALK in der Unternehmensführung anders als andere Unternehmen?

allsafe JUNGFALK hat die gängige Führungs-Hierarchie umgedreht. Aus der klassischen Pyramide mit dem Geschäftsführer ganz oben wurde ein Brummkreisel, an dessen unterster Spitze unser Geschäftsführer seinen Platz gefunden hat. Input und Richtungsweisungen kommen aus dem Markt, werden durch die Bedürfnisse der Kunden vorgegeben. Dazwischen sind die Mitarbeitenden positioniert; verantwortungsvoll und unternehmerisch denkend. Die Hierarchien sind extrem schlank, alle Mitarbeitenden arbeiten in Prozessen oder in Fertigungslinien.

 

Geben Sie uns bitte ein Beispiel aus der Praxis

Bei allsafe JUNGFALK erstellt zum Beispiel jeder Beschäftigte seinen eigenen Fortbildungsplan. Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen ist es nicht Aufgabe der Prozessleiter einen Schulungsplan für jeden Mitarbeitenden zu erstellen, sondern jeder einzelne erstellt diesen für sich selbst. Wir fordern unsere Mitarbeitenden dazu auf eigenständig herauszufinden, in welchen Bereichen Wissenslücken bestehen, Gesetzesänderungen, neue Techniken oder Methoden oder auch Talente und stärkenorientierte Fortbildungen sinnvoll wären. Jeder für sich selbst. Die Mitarbeitenden informieren ihre/n Prozessleiter/in lediglich über die ausgewählten Fortbildungen. Die Kosten für die Fortbildungen übernimmt allsafe JUNGFALK selbstverständlich gern, weil wir darauf vertrauen, dass alle Mitarbeitenden verantwortungsvoll und mit unternehmerischem Denken ihr ganz individuelles Fortbildungsprogramm erstellen. Selbstverständlich hat dennoch jeder Mitarbeitende immer die Möglichkeit sich bei seinem Prozessleiter, aber auch bei Kollegen Rat für eine anstehende Entscheidung einzuholen. Wir sind der Meinung, dass die Motivation der Mitarbeitenden sich stetig und sinnvoll fortzubilden durch diese Vorgehensweise erheblich gesteigert wird, da ein großes Maß an Selbstbestimmung erhalten bleibt.

 

Welche Herausforderungen ergeben sich in der Personalarbeit im Vergleich zu herkömmlichen Führungsformen mit starren Hierarchieebenen?

Die Herausforderungen in der Personalarbeit bei allsafe JUNGFALK sind sehr vielfältig, aber durchaus interessant, herausfordernd und motivierend. Mit Blick auf das soeben genannte Beispiel ergeben sich mehrere Herausforderungen. Mitarbeitende, welche aus anderen Unternehmen zu uns finden, sind anfangs oft irritiert. Sie brauchen zunächst oftmals Unterstützung, wie sie mit der ihnen nun gegeben Eigenverantwortung umgehen sollen und müssen ein wenig „üben“ und sich daran gewöhnen. Oft kennen diese neuen Mitarbeitenden ausschließlich die übliche Vorgehensweise. Nämlich dass der Vorgesetzte oder die Personalabteilung vorgibt, an welchen Schulungsangeboten er/sie teilzunehmen hat. Das ist zunächst eine signifikante Umstellung. Ebenso eine Umstellung ist es für unsere Führungspersonen. Bei allsafe JUNGFALK sind die Kollegen/innen des Führungsteams insbesondere Ratgeber, keine „Machthaber“ oder alleinigen Entscheider. Auch das ist ein gravierender Unterschied im Vergleich zu anderen Führungskulturen/Unternehmen, welcher auch jedem Mitglied unseres Führungsteams bewusst sein und hinter welchem jeder einzelne gern und aus Überzeugung stehen muss.

 

TOP JOB untersucht Themen wie Vision, Vertrauen, internes Unternehmertum, etc. Welche Rolle spielen diese bei allsafe JUNGFALK?

Wir wollen Menschen begeistern – mit Sicherheit – mit sicheren Produkten, mit sicheren Arbeitsplätzen für eine sichere Welt.

Unsere Unternehmens-Vision ist jedem einzelnen Mitarbeiter bei allsafe JUNGFALK bekannt, jeder ist damit vertraut und neuen Mitarbeitenden werden unsere Vision lange vor dem Eintritt ins Unternehmen, als elementarer Baustein unserer Unternehmenskultur, vermittelt und nahe gebracht.

Unser Ziel im Sinne der Unternehmens-Vision ist es, dass alle Mitarbeitenden sich mit dieser Vision identifizieren, ihr Verhalten, ihr Handeln und ihre Entscheidungen danach ausrichten und somit unsere allsafe JUNGFALK- Unternehmenskultur täglich mitgestalten.

 

Vertrauen und internes Unternehmertum und Kommunikation sind elementare Bausteine unseres Grundwertes: Eigenverantwortung.

Ohne Vertrauen ist eigenverantwortliches Handeln nicht möglich. allsafe JUNGFALK vertraut jedem einzelnen Mitarbeitenden, dass er nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet und unternehmerisch handelt. Dazu gehört es auch umfangreich und in alle Richtung zu kommunizieren, sich zu informieren und abzustimmen; sei es für einen Austausch, sei es um sich Wissen zu beschaffen oder Ratschläge einzuholen. Ohne umfangreiche Kommunikation wird unternehmerisches Handeln – tatsächlich im Sinne des gesamten Unternehmens und nicht mit Blick auf die eigenen Ziele – quasi unmöglich. Exemplarisch für diese Kultur bei allsafe ist auch unsere gelebte Transparenz. An zahlreichen Orten im Unternehmen kann sich jeder Mitarbeiter umfangreiche Informationen beschaffen, angefangen von den aktuellen Umsatzzahlen, über diverse Kennzahlen bis hin zu Detailinformationen bezüglich Wertschöpfung, Fluktuation oder auch Reklamationsquoten.

Regelmäßig finden Mitarbeiterversammlungen statt, in welchen alle Mitarbeitenden umfassend über die aktuellen Themen, aber auch Pläne, Vorhaben und Aussichten für die kommenden Monate informiert werden.

 

Resignative Trägheit und korrosive Energie der Mitarbeitenden ist schädlich für ein Unternehmen. TOP JOB ist das einzige Benchmarking, das Energiezustände im Unternehmen misst. Wie wichtig sind diese Erkenntnisse in einem demokratischen Unternehmen? 

Resignative Trägheit und korrosive Energie im Unternehmen sind Maßeinheiten für die Unzufriedenheit der Mitarbeiter/innen im Unternehmen. Wir nehmen regelmäßig am TOP JOB Benchmarking teil, um eben genau diese Rückmeldungen zu erhalten. Wir sind dankbar für die Offenheit der Mitarbeiter und erfahren über diese Auswertung, wie zufrieden unsere Mitarbeiter sind und bei welchen Themen unbedingt noch Handlungsbedarf besteht – welchen wir selbstverständlich auch aufnehmen. Natürlich besteht auch bei allsafe JUNGFALK die Anforderung sich immer wieder und kontinuierlich als Arbeitgeber zu hinterfragen. Hilfreiche und  wichtige Rückmeldungen und besonders die darin enthaltenen Wünsche und Anforderungen der Arbeitnehmer sind wichtige Erkenntnisse, die der Benchmarkingbericht liefert. Nur über diese können wir uns als Arbeitgeber regelmäßig „überprüfen“ und nachhaltig daran arbeiten, auch in Zukunft ein moderner und attraktiver Arbeitgeber zu bleiben.

 

Der Fokus von TOP JOB liegt auf der Mitarbeiterführung. Wer führt bei Ihnen?

Im weitesten Sinne sucht sich bei allsafe JUNGFALK jeder Mitarbeitende seine Führungspersönlichkeit selbst aus. Das klingt im ersten Moment nach Anarchie und Willkür – ist es aber nicht, wenn alle Mitarbeiter  nach unseren Unternehmenswerten handeln.

Natürlich gibt es auch bei allsafe JUNGFALK ein Führungsteam, es gibt Prozessleiter, Projektleiter, Teamleiter etc. Jedoch sind alle diese genannten Personengruppen eher als Koordinatoren und Ratgeber zu verstehen. Das Führungsteam gibt die Richtung vor, prägt die Kultur insbesondere durch Förderung der Mitarbeiter eigenverantwortlich zu entscheiden. Je nach anstehender Thematik geht die Führung auf unterschiedliche Mitarbeiter über – unabhängig von der Hierarchie. Stellvertreter bzw. Sprachrohre in den Teams werden von den Teams ausgewählt. Wer aus Sicht des Teams die höchste Kompetenz in der betreffenden Thematik hat, wird zum Stellvertreter, Sprachrohr oder Führer in der Sache, ohne dass es einer Formalie bedarf.

 

 

Es gibt also nach wie vor die klassischen Kernaufgaben von Führung?

Ja, sie bestehen selbstverständlich weiterhin, aber sie werden nicht im Rahmen einer „Abteilungsleitung“ Kraft Krawatte einer Person zugeschrieben. Die Zusammenarbeit untereinander organisieren die Mitarbeitenden in den Prozessen weitgehend selbst. Die Kernaufgabe „Sicherung der Zukunftsfähigkeit“ zum Beispiel liegt insbesondere in der Verantwortung unseres Marktbearbeitungsteams – in Abstimmung mit allen anderen Prozessen, wie Herstellung und Logistik, Service und IT und natürlich auch der Produktentstehung. Über die Kenntnis der Wünsche, Bedürfnisse und Erfordernisse des Marktes wird das Unternehmen geführt.

Eine weitere Kernaufgabe, die Senkung von Transaktionskosten, ist wiederum insbesondere im Fokus der Prozessleiter, welche sich ständig und laufend mit der Prozessoptimierung beschäftigen und auf der Suche nach Potentialen insbesondere in KVPs (Kontinuierlicher Verbesserungsprozess) arbeiten.

 

Ziel- und Wertkonflikte kommen selbstverständlich auch bei allsafe JUNGFALK vor. Es arbeiten viele Menschen an zahlreichen Projekten und Zielen, da bleibt es auch bei uns nicht aus, dass Konflikte entstehen und gelöst werden müssen. Insbesondere in diesem Bereich ist es häufig so, dass die betroffenen Mitarbeiter sich einen oder auch mehrere Ratgeber suchen. Aufgabe des Ratgebers ist es jedoch nicht, eine Entscheidung zu treffen, sondern gemeinsam mit allen Beteiligten den Fokus auf das Ziel wieder herzustellen und eine gemeinsame Einigung herbeizuführen – die Führungsperson ist eher als Mediator tätig, denn als Entscheider.

 

Finden Sie immer die passenden Mitarbeiter? Was ist mit denen, die lieber geführt werden und die einen festen Rahmen, klare Anweisungen und eine to do-Liste brauchen?

Erfreulicherweise ja. Viele Bewerber suchen insbesondere wegen unserer Unternehmenskultur den Kontakt zu uns. Wir erhalten jedes Jahr zahlreiche Initiativbewerbungen, von Menschen die von unserer vielleicht nicht alltäglichen Kultur gehört haben und eben genau in diesem Umfeld arbeiten möchten.

Bewerbern gegenüber, die einen festen Rahmen, klare Anweisungen und eine to-do Liste benötigen sind wir offen und sagen ehrlich, dass wir dies nicht bieten können und wollen. Unsere gesamten betrieblichen Strukturen sind auf unsere Grundwerte aufgebaut und es ist für den Erfolg des Unternehmens und damit auch jedes Einzelnen, notwendig, sich mit diesen Werten identifizieren zu können. Alle Menschen, die sich mit diesen Werten identifizieren können, fühlen sich in unserer Arbeitsumgebung wohl und können sich entfalten.

 

Was raten Sie Unternehmen mit herkömmlichen Führungsformen?

Meiner Erfahrung nach ist Wertschätzung, Offenheit aber auch das Fordern und Fördern von individuellen Talenten und Stärken genauso unerlässlich wie die Wahrnehmung jedes Einzelnen. Jeder Mensch kommt mit seinen ganz individuellen Wünschen und Bedürfnissen, Erfahrungen und Stärken in das Unternehmen. Wenn wir es schaffen, diese unter dem gemeinsamen „Hut“ der Werte und Vision in Einklang zu bringen, und dabei den Mensch als GANZES wahrzunehmen und auf ihn als Persönlichkeit einzugehen, kommen die Begeisterung und das Engagement und somit der Erfolg des gesamten Unternehmens von selbst. 

 

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