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Die Wirtschaftstrends der Zukunft

31.05.2012

Die Wirtschaftstrends der Zukunft

 

Wer sich frühzeitig auf die Wirtschaftstrends von morgen einstellt und vorausschauend die richtigen Weichen stellt, der sichert sich den vielleicht entscheidenden Wettbewerbsvorteil - sofern er weiß, welches die Wirtschaftstrends von morgen sein werden. Unternehmensberater Prof. Dres. h. c. Hermann Simon stellt sechs solcher Trends vor. Der vollständige Beitrag steht im neuen TOP 100-Buch, das am 22. Juni erscheint.

 

Von Prof. Dres. h. c. Hermann Simon


Trend 1: Beschleunigung der Globalisierung
Eine Vielzahl von Indikatoren belegt, dass die Globalisierung in den letzten drei Jahrzehnten enorm an Fahrt gewonnen hat. Vieles spricht dafür, dass sich dieser Trend fortsetzen und sogar noch verstärken wird. Die Krise nach 2007 hat diesen Trend allenfalls unterbrochen, aber nicht grundsätzlich geändert. Bereits im Jahre 2011 wurde bei vielen Indikatoren der Globalisierung das Vorkrisenniveau wieder überschritten. In diesem Sinne sprechen die Statistiken eine Sprache, wie sie eindeutiger nicht sein kann: Die Globalisierung schreitet ungebremst voran und beschleunigt sich dabei.

 

Deutsche Unternehmen, insbesondere auch führende Mittelständler wie die Hidden Champions, sind für diese Entwicklungen bestens aufgestellt. Sie zeigen bereits eine hohe internationale Präsenz und partizipieren so voll am Wachstum in den aufstrebenden Ländern. Aber sie stehen auch vor großen Herausforderungen, denn zunehmend müssen sie Produktion, Forschung und Entwicklung, teilweise sogar ganze Wertschöpfungsketten in die neuen Märkte verlagern.

 

Trend 2: Stärkere Einflussnahme der Politik
Die Wirtschaftskrise hat den Trend zur stärkeren Einflussnahme der Politik, vor allem im Finanzsektor, massiv befördert. Unabhängig davon läuft die Maschinerie der staatlichen Intervention seit Jahren mit zunehmender Intensität. Die Einflussnahme wird dabei immer detaillierter (siehe EU-Regelungen) und kann alle Managementinstrumente betreffen (man denke beispielsweise an Vorschriften zur Managementvergütung). Selbst Kerngeschäftsprozesse sind nicht mehr tabu. Gleichzeitig verringern sich die Spielräume der Politik auf Grund der exorbitanten Verschuldung. Das Manövrieren in dieser Gemengelage wird zunehmend schwieriger. Damit wird die Fähigkeit des Managements, den politischen Willensbildungsprozess zu beeinflussen und innerhalb verschärfter Rahmenbedingungen zu agieren, wichtiger. Der Lobbyismus wird zu einer Wachstumsbranche der Zukunft. Dort werden zahlreiche neue, anspruchsvolle Arbeitsplätze entstehen.

 

Trend 3: Engere Verzahnung von Management und Kapital
Eines der großen Themen unserer Zeit ist die Angleichung der Interessen von Eigentümern und angestellten Managern. Das Auseinanderklaffen der Ziele dieser beiden Gruppen, angefacht durch falsche Anreizsysteme, war eine der Hauptursachen der großen Krise. Ein naheliegendes Verfahren zur Angleichung der Interessen besteht darin, Manager verstärkt zu Miteigentümern zu machen. Siemens leistet in dieser Hinsicht Pionierarbeit, indem es von seinen Vorständen verlangt, dass sie Siemens-Aktien in beträchtlicher Höhe erwerben und halten. Der Vorstandsvorsitzende etwa muss das Dreifache seines jährlichen Fixgehaltes von zirka zwei Millionen Euro, also zirka sechs Millionen Euro investieren. Das macht Vorstände zu echten Miteigentümern. Entscheidend ist dabei, dass die zu investierenden Summen groß genug sind, um dem Einzelnen „weh zu tun".

 

In engem Zusammenhang damit stehen Fragen der Finanzierung. Die Entwicklung von Unternehmen wird wesentlich stärker als bisher von den Finanzierungsmöglichkeiten bestimmt. Kredite sind schwerer zu bekommen, diese Tendenz wird anhalten. Eigenkapital wird gegenüber Fremdkapital deutlich an Bedeutung gewinnen. Das ist eine der bleibenden Folgen der Krise, die aber ohnehin überfällig war.

 

Trend 4: Tektonische Verschiebungen in der Produktwelt
Deutsche Produkte besetzen im weltweiten Wettbewerb vielfach Premiumpositionen. Bei Premium- und Luxusautomobilen haben deutsche Firmen beispielsweise einen globalen Marktanteil von gut 70 Prozent. Auch in Zukunft müssen diese Marktstellungen unbedingt verteidigt werden. Das sollte gelingen, denn diese Positionen sind durch überlegene Leistungen und interne Kompetenzen untermauert. Größer sind die Herausforderungen am unteren Ende der Preisskala. Denn dort entsteht ein neues Segment, das sehr groß zu werden verspricht. Um in diesem „Ultra-Niedrigpreis-Segment" erfolgreich zu sein, ergeben sich völlig neue Anforderungen an Forschung und Entwicklung, Produktion und Vermarktung. Erste Erfahrungen mit dem indischen Billigauto Tata Nano zeigen, dass deutsche Unternehmen hier durchaus bestehen können. Mit Bosch als größtem sind acht weitere deutsche Zulieferer im Nano vertreten. Sogar der Chef von Tata Auto, Carl-Peter Forster, ist ein Deutscher. Wir müssen in die Lage kommen - und sind dies teilweise schon - die Chinesen bei den Kosten anzugreifen. Die große Herausforderung wird sein, im Ultra-Niedrigpreis-Segment Geld zu verdienen.

 

Trend 5: Nachhaltig verändertes Kundenverhalten
Die Wirtschaftskrise war eine Absatz- und keine Kostenkrise. Die Kunden haben Kaufverweigerung betrieben und ihr Verhalten verändert. Das Vertrauen in die Marktwirtschaft und insbesondere in den Finanzsektor wurde schwer beschädigt. Aus der Verhaltensforschung wissen wir, dass solche Verhaltensänderungen in die Nachkrisenzeit hinein Bestand haben werden. Misstrauen und Angst vor der Zukunft, vor allem vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, bleiben für viele bestimmend. Harte Nutzen- und Kostenvorteile werden auf lange Zeit eine höhere Bedeutung behalten. Auf leichtfertige Käufe wird eher verzichtet. Gestauchte Zeitpräferenz, striktere Finanzierung sowie Sicherheit sind weitere Facetten eines veränderten Kundenverhaltens. Diese neuen Gegebenheiten sollten jedoch nicht nur als Bedrohungen, sondern durchaus auch als Chancen verstanden werden, auf die strategische Antworten zu finden sind. Bei diesen kann es sich um erweiterte Garantien oder Probezeiten, großzügige Rücktrittsklauseln, erfolgsabhängige Bezahlung, Tauschgeschäfte, neue Servicemodelle, Vertiefung der Wertschöpfungskette oder ähnliche Maßnahmen handeln. So hat der koreanische Autohersteller Hyundai in den USA mit einer einjährigen Rücknahmegarantie im Falle des Arbeitsplatzverlustes in den Jahren 2010 und 2011 starke Marktanteilsgewinne verbuchen können.

 

Trend 6: Totale Vernetzung
Das Internet ist bereits weit in die Unternehmensfunktionen vorgedrungen. Dennoch stehen wir wohl erst am Anfang. Die beiden ausschlaggebenden Fähigkeiten des Internets, nämlich die extrem kostengünstige Distribution digitaler Produkte sowie die Vernetzung großer Zahlen von Anbietern und Nachfragern, befinden sich geschäftlich betrachtet in einem sehr frühen Stadium. Nur wenige Firmen nutzen die sich diesbezüglich bietenden Potenziale heute in einem optimalen Umfang. Wir werden viele neue Ansätze, Modelle, Erfolge und auch Flops sehen. Für traditionelle Anbieter wie Zeitungs- und Buchverlage wird sich die Welt radikal verändern. Das Internet wird langfristig zum wichtigsten Marketing-Informationskanal.

 

Zum Schluss möchte ich es nicht versäumen, vor einem naiven Glauben an Trends zu warnen: Glauben Sie nicht an Trends, sondern betrachten Sie meine hier vorgestellten Vorschläge als Anregungen zum kritischen Nach- und Überdenken. Oft steht die Schrift des Trends an der Wand, man muss sie nur lesen und verstehen.

 

Der vollständige Artikel wird im aktuellen TOP 100-Buch erscheinen. Es wird ab dem 22. Juni für 19,99 € im Buchhandel oder direkt über den REDLINE-Verlag erhältlich sein (ISBN: 978-3-86881-346-3).